von Tine in Clickertraining am 11. November 2015
In diesen Tagen begegnet mir regelmäßig das Thema mit der Erwartungshaltung und den (nicht erfüllten) Erwartungen. Und leider ist es oft auch ein eher negativ belastetes Thema, doch woher kommt das eigentlich?

Definition Erwartungshaltung

"durch bestimmte Erwartungen geprägte Haltung" [1]

oder etwas ausführlicher, die

"Annahme eines Handelnden darüber, was ein anderer oder mehrere andere tun würden bzw. was er oder andere billigerweise tun sollten" [2]


Dabei ist die Nicht-Erfüllung bzw. das Handeln entgegen einer Erwartung oft mit (gefühlt) negativen Folgen verbunden, vielleicht einem negativen Kommentar von außerhalb, dem Gefühl, nur Rückschritte statt Fortschritte zu machen, oder der Enttäuschung darüber, ein Ziel nicht erreicht zu haben.

Angespannter Mensch führt Pferd


Im Training mit unseren Tieren kann uns also das Thema Erwartungshaltung in ganz unterschiedlicher Form begegnen. Dazu gehört unter anderem:
  • die Erwartungen an sich selbst
  • die Erwartungen von Anderen an einen selbst
  • die Erwartungen an Andere
  • die Erwartungen an das eigene Tier
  • die Erwartungen Anderer an das eigene Tier
  • die Erwartungen des eigenen Tieres an einen selbst
  • die Erwartungen, was Andere erwarten könnten
Die Herkunft dieser Erwartungen ist dabei recht vielfältig, sei es der Ausbildungsstand, der zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht werden soll, sei es der Vergleich mit einem anderen Tier-Mensch-Paar, sei es der eigene Erfolgsdruck, sei es ein "Problemverhalten" das möglichst schnell verschwinden soll oder auch einfach nur ein lustiges Spiel oder Trick den man woanders gesehen und heute unbedingt ausprobieren möchte. Oder die Erwartung an sich selbst immer gut gelaunt zu sein. Vielleicht ist auch ein Fotoshooting geplant, der Besuch einer guten Freundin, Reitunterricht, eine Kurssituation oder einfach eine Verabredung zum Ausritt.

Oft beginnt es aber auch schon mit Kleinigkeiten wie dem Plan heute einen schönen Spaziergang zu machen, da es ein toller sonniger Herbsttag ist. Das Pferd ist aber schon beim von der Weide holen eher träge und lustlos und irgendwie auch ein bisschen schreckhaft. Bereits auf dem Putzplatz merkt man, dass es nicht so weit her ist mit der Konzentration und würde das Pferd am liebsten einfach eine halbe Stunde grasen und wieder zurück zur Herde lassen. Wenn...

...ja wenn da nicht die Miteinstellerin wäre, die dann bestimmt denkt dass man sich nicht so anstellen soll (und das Pferd muss da eh durch, oder etwa nicht?) Wenn da nicht das bohrende schlechte Gewissen im Nacken wäre, dass man schon seit 3 Tagen nichts "vernünftiges" gemacht hat, und die Fettpolster förmlich im Sekundentakt wachsen sehen kann. Wenn da nicht die Stimme im Hinterkopf wäre, die sagt, dass doch schließlich jeder andere auch mit seinem Pferd spazieren gehen kann... Und wie oft zieht man dann trotzdem los, ärgert sich am Ende darüber, dass das Pferd einem in einem schreckhaften Moment in den Strick gesprungen ist, dass man selber öfter ins Ziehen gekommen ist, als man eigentlich wollte, und überhaupt war der Himmel zu dem Zeitpunkt eh schon wieder bewölkt und der Wind ganz schön kalt und eisig.

Buckelndes Pferd an der Longe


Das Problem mit enttäuschten Erwartungen ist, dass sie schnell zu Stress oder Aggressionen führen können, was langfristig in keinem Training zu Erfolg führen wird.

So wichtig es ist, Pläne und Ziele zu haben (langfristig und kurzfristig), umso wichtiger ist es, den Augenblick genießen und flexibel auf die aktuellen Gegebenheiten reagieren zu können. Es ist nicht wichtig, was die anderen denken. Es ist auch nicht wichtig, ob man seinen Plan immer durchzieht, denn die Tiere leben im Hier und Jetzt, und man verliert auch nicht die Autorität, wenn man einen Plan einfach verwirft. Es gibt kaum ein Training, keinen Zeitplan, das/der so lebensnotwendig ist, dass es keinen Aufschub duldet - oft nicht mal ein Tierarztbesuch, zumindest wenn es um Routine-Untersuchungen geht. Und wir alle (auch die Tiere) bringen jeden Tag aufs Neue vollkommen unterschiedliche Bedingungen mit, Dinge die uns beschäftigen, körperliches Wohlbefinden und ganz aktuelle Situationsbedingungen, die man einfach nicht immer planen kann.

Was für mich persönlich am Wichtigsten ist:

Pferd und Mensch sehen gemeinsam durch ein Fenster

Foto: Lisa Kittler


Ich möchte an jedem Abend sagen können

JA!

heute hatten wir gemeinsam einen schönen Tag.

Quellen
[1] Duden
[2] Wikipedia

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Über mich

Mensch und Pferdekopf
Ich heiße Christine Dosdall, genannt Tine, geboren 1986 und lebe mit meiner Familie und meinen Tieren in Berlin. Wenn ich nicht gerade hinter dicken Büchern verschwunden bin, findet ihr mich im Stall bei meiner Stute Chance oder zusammen mit meiner Katze Mucki auf der Couch.

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