von Tine in Pferde am 2.August 2017

Alle, die uns schon eine Weile kennen oder die Berichte über meine Stute Chance - die Krümeline - verfolgt haben, wissen, dass ihr schon immer viele Dinge sehr schwer gefallen sind. Dinge, die für andere Mensch-Pferd-Paare selbstverständlich sind oder selbst bei weniger schönen Vorgeschichten durch kleinschrittiges Training bald der Vergangenheit angehören.

Zu den Dingen, mit denen wir seit nunmehr 7 Jahren zu tun haben gehören unter anderem:
  • Hufe geben und Hufbearbeitung
  • Führen und Longieren auf der Kreisbahn
  • Führen auf tieferem, unebenen Boden
  • Starke Verspannungen im Schulter/Widerristbereich
  • Fühligkeit bis hin zu diffusen Lahmheiten
Im Lauf der Zeit habe ich dabei so ziemlich alles probiert. Verschiedene Trainingsansätze, Haltungswechsel, Hufbearbeitung, Hufschuhe, regelmäßige osteopathische Behandlungen, Zahnart, Trainingspausen... das einzige was dabei relativ konstant blieb war, dass die Signale von Jahr zu Jahr feiner aber die Ausführung von Jahr zu Jahr schlimmer wurde. Ich habe viel Zeit in Aus- und Weiterbildung investiert und versucht, der bestmögliche Trainer auf der ganzen Welt für sie zu werden.


Nicht jedes Lahmen ist so deutlich,
dass man es als Laie eindeutig lokalisieren kann.

Als es dann allerdings Anfang des Sommers wieder verstärkt mit den Lahmheiten los ging, vor allem nach kurzen Trainingseinheiten oder der Hufbearbeitung, wurde es Zeit den Tierarzt mit einzubeziehen. Das ist ja für die Krümeline wirklich keine einfache Sache, weswegen wir diese Termine immer mit Bedacht legen und vorbereiten müssen. Dennoch hat sich das Training der letzten Jahre ausgezahlt und einfachere Untersuchungen wie Vortraben, Beine abtasten oder das Röntgen der Vorderhufe gehen inzwischen ohne größere Probleme. Natürlich ist hier das A und O ein Tierarzt, der auch wirklich auf das Pferd eingeht und Widersetzlichkeiten als Schmerzanzeichen akzeptiert ohne unangemessen zu reagieren.

Der Tierarzt konnte auch bald einige, zu den Symptomen passende, mögliche Lahmheitsursachen ausmachen. Dazu gehören unter anderem Veränderungen der Gleichbeine am linken Vorderhuf und knöcherne Zubildungen an den Hufbeinästen am rechten Vorderhuf. Beides sind mit großer Wahrscheinlichkeit Folgen der Mangelhaltung während ihrer Fohlenzeit und begleitet von entzündlichen Prozessen und Bewegungseinschränkungen der Vorderhufe. Die hinteren Sprunggelenke haben wir bisher nicht weiter untersucht, dort gibt es vermutlich aber auch schmerzhafte Veränderungen. Ohne eine vollständige Lahmheitsdiagnostik und ohne zu sehr in die medizinischen Details einzutauchen, sind einige Punkte damit auf jeden Fall sicher und nachvollziehbar klar.

Die Krümeline hat Schmerzen:
  • bei engen Wendungen, vor allem nach links
  • beim Laufen auf tiefem Boden, wenn die Zehenfußung noch verstärkt wird
  • beim Anwinkeln der Hufgelenke und bei kleinen und größeren Drehbewegungen
  • bei verstärkter Belastung durch hohes Tempo
  • bei Gewichtsverlagerungen bei denen die Schonhaltungen aufgegeben werden müssen
  • durch Verspannungen, die aus den Schonhaltungen und Ausgleichsbewegungen resultieren
  • bei ungünstiger Hufbearbeitung oder wenn zum Ende des Bearbeitungsintervalls Trachten und Eckstreben zu lang sind
  • ...

Ob frei oder bei der Arbeit,
Schmerzen äußern sich oft deutlich.



Obwohl ich schon immer fest davon überzeugt war, dass sie vieles nicht kann, obwohl ich viele Übungen abgebrochen habe, weil sie ihr offensichtlich geschadet haben, selbst nachdem ich ein ganzes Buch zu dem Thema geschrieben habe (mehr dazu im Infokasten), hat es doch die klaren Worte des Tierarztes gebraucht, wirklich zu verstehen, in welchem Ausmaß sie durch diese Probleme beeinträchtig ist und vermutlich schon lange war.


Spätestens bei deutlichen Abwehrreaktionen wie dem Steigen,
sollten wir hellhörig werden.

Und - und das ist für mich die wichtigste Erkenntnis - so oft ich mich schon schützend vor sie gestellt habe, so oft habe auch ich mich verleiten lassen, immer mal wieder Dinge zu fordern, von denen ich schon wusste, dass sie nicht gut gehen können. Natürlich kenne auch ich die vielen Pferde, die sich dann eben nicht so deutlich äußern, sondern über ihre eigenen Grenzen hinaus gehen. Und ich weiß wie verlockend es ist, Probleme einfach zu unterdrücken oder sie als "das ist halt so" abzutun.

Nach dem letzten Röntgentermin habe ich mir nun einen Maßnahmenkatalog zusammengestellt, was ich tun kann, um ihr so gut wie möglich zu helfen. Dazu gehört neben Zusatzfuttermitteln, die die Gelenke unterstützen sollen, auch, dass ich aktuell bei jedem Besuch im Stall ihre Hufe bearbeite. Durch diese kleinen kontinuierlichen Bearbeitungen sind die Umstellungen am Bearbeitungstag nicht so drastisch und auch die Bearbeitungszeit kann deutlich reduziert werden. Außerdem wird auch die Hufbearbeitung speziell auf die Erkenntnisse über die inneren Hufstrukturen angepasst, etwas, was leider auch viel zu oft vernachlässigt wird.

Jetzt nach knapp einem Monat, kann man bereits die ersten Verbesserungen sehen. Aktuell machen wir kein weiteres Training, denn ich möchte erst sicher gehen können, dass sie den Alltag schmerzfrei bewältigen kann. Und anschließend werden auch die Trainingseinheiten noch mehr auf sie angepasst, indem zum Beispiel jegliche engen Wendungen nach links vermieden werden. Die Krümeline ist sowieso fröhlich und motiviert wie eh und je, ich bin also sehr gespannt, wie es dieses Jahr noch mit uns weiter geht.


Foto: Janine Waldvogel

Was ich euch an dieser Stelle mitgeben möchte: Hört auf eure Pferde. Auch wenn hinzugezogene Experten vielleicht zu Beginn sagen, dass das Pferd nichts hat. Viele Beeinträchtigungen sind zum Beispiel röntgenologisch erst lange nachdem die ersten Symptome vorhanden sind zu sehen. Und ein Röntgenbefund bedeutet auch nicht, dass das Pferd unbedingt Schmerzen hat. Beobachtet eure Pferde gut und notiert euch bei auffälligem Verhalten, wann es auftritt. Wo, wann, wer beteiligt ist, was vielleicht am Tag davor war, wie das Wetter ist, etc. Das kann keine medizinische Diagnose ersetzen aber euch ein gutes Bild vermitteln, was los ist.

Weitere Informationen darüber, wie sich Angst und Stress beim Pferd äußern, woran ihr sie erkennen und wie ihr eurem Pferd helfen könnt, findet ihr bald in unserem Buch "ANGST, STRESS und UNSICHERHEIT beim Pferd". Das Buch ist als Gemeinschaftsprojekt mit meinen Kolleginnen Kathrin Wycisk (www.kreativepferde.de) und Viviane Theby (www.tierakademie.de) entstanden und erscheint Ende August im Müller-Rüschlikon-Verlag.

Auf den gängigen Plattformen und beim Buchhändler eures Vertrauens kann man es bereits vorbestellen:
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Über mich

Mensch und Pferdekopf Hallo, ich bin Tine, 32 Jahre alt, und lebe mit meiner Familie und meinen Tieren in Berlin. Wenn ich nicht gerade hinter dicken Büchern verschwunden bin, findet ihr mich im Stall bei meiner Stute Chance oder zusammen mit meiner Katze Mucki auf der Couch.

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